Management 3.0 Trainer Jürgen Dittmar im Interview

Mit Management 3.0 hat Jurgen Appelo 2011 ein Buch publiziert, welches die wichtigsten Ideen eines modernen Führungsverständnisses gebündelt darstellt. Mittlerweile gibt es neben Jurgen weltweit eine ganze Reihe offizieller Management 3.0 Trainer, die dieses Seminar anbieten.

Einer dieser Trainer ist Jürgen Dittmar, der mich im September 2013 in seinem Management 3.0 Seminar begeistert hat. Jürgen ist bekannt für die Übersetzung der Kursunterlagen ins Deutsche und sicherlich einer der etabliertesten Management 3.0 Trainer im deutschsprachigen Raum.

An diese Stelle der Hinweis auf sein nächstes Seminar am 20. Januar in Frankfurt: http://www.scrum-events.de/zertifizierungen/management30/index.html. Ich selbst habe damals die Teilnahme sehr genossen und obwohl ich das Buch schon kannte eine ganze Menge Inspiration und Ideen mitnehmen können.

Jürgen Dittmar und das Management 3.0 Model
Jürgen Dittmar und das Martie, das Management 3.0 Model

So, jetzt ein paar Fragen an Jürgen.

Kannst Du Dich kurz vorstellen? Was beschäftigt Dich?

Vorstellen? O.k. hier ein paar Daten: Ich bin inzwischen 50 Jahre, verheiratet, 3 Töchter, 4 Enkelkinder und wohne in München. Ich habe Geographie, Politikwissenschaft und Arbeits- und Organisationspsychologie studiert und bin als freiberuflicher Unternehmensberater für Organisations- und Managemententwicklung insbesondere in agilen Transformationsprozessen tätig.

Dabei verstehe ich mich eigentlich als Entwicklungshelfer. Entwickeln dabei in zweierlei Hinsicht: Ich entwickle und entfessle Menschen und Organisationen. Und da sehe ich viele Fesseln, die sich Unternehmen und Menschen selbst auferlegen und nicht mehr hinterfragen.

Und was mich so beschäftigt?

Wenn ich so zurückblicke ist das bestimmende Thema in meinem Berufsleben schon immer das Thema Systeme oder “komplexe Systeme”. Zunächst als Diplom Geograph waren es die Ökosysteme in der Umweltanalyse und -planung, dann komplexe IT Systeme in meiner Zeit als Entwickler und Projektleiter und spätestens seit 12 Jahren – als ich Führungskraft und Manager wurde – das Thema Mensch und die komplexen soziale Systeme in (IT-)Organisationen und Projekten. Und das ist das was mich aktuell treibt: wie kann man wirklich Organisationen schaffen, in denen Menschen extrem motiviert, kooperativ und produktiv zusammenarbeiten. Mit Agile und Scrum als Erfolgsmodell und Basis stehen wir aus meiner Sicht da aktuell an einer Zeitenwende was das betrifft.

Wann und wie hast Du das Thema Management 3.0 für Dich entdeckt?

Tja, rückblickend muss ich ja fast sagen, dass ich das Prinzip und Mindset von Management 3.0 für mich eigentlich schon entdeckt hatte, bevor ich Jurgen Appelo und sein Buch kennen gelernt habe. Das macht es mir jetzt auch so leicht, meine eigenen Führungserfahrungen in meine Seminare einzubauen.

Ich war als Führungskraft durch viele Reorganisationen immer wieder für verschiedenste Gruppen, Applikationen und Disziplinen verantwortlich, von Entwicklung über Qualitätsmanagement bis zu Testteams. Am Schluss dann System- und Enterprise Architektur plus Innovation plus Prozessmanagement. Da konnte ich nicht lange an der Idee festhalten, durch Kompetenz und Wissen zu führen. Ich habe da aus der Not eine Tugend gemacht und einen Führungsstil entwickelt, den ich dann später in Management 3.0 weitgehend beschrieben gefunden habe. Führung als Entwicklung von Teams und komplexen sozialen Systeme und und die Führungskraft nicht als Kontrolleur sondern als Wegbereiter und systemischer Organisationsentwickler.

Und als ich dann Jurgen Appelo und sein Buch kennen gelernt habe, war das für mich zum Einen eine Bestätigung für mein eigenes neues Führungsverständnis. Zum Anderen war das für mich ein wichtiges Puzzleteil für die andere Frage die mich seinerzeit beschäftigt hat: Wie kann eine agile Transformation gelingen und welche Rolle bzw. Perspektive kann ich Führungskräften bei der Einführung von agilen Methoden anbieten?

Ich bin nun seit 2 1/2 Jahren selbstständig und habe mir den “Faktor” Menschen und die Veränderung von komplexen sozialen Systemen durch Organisationsentwicklung zu meiner zentralen Aufgabe gemacht. Und gerade bei den agilen Transformationsprojekten gibt es aus meiner Sicht extrem viel zu tun! Vor allem im Umgang mit dem existierenden Management werden da oft viele Fehler begangen und unnötig Widerstand erzeugt. Ich habe das auch selbst schon erlebt. Management 3.0 als Perspektive kann da helfen.

Was ist Management 3.0? Wie passt Management 3.0 in eine Welt in der über Scrum, Agile und Lean gesprochen wird?

Für mich ist Management 3.0 kein abgeschlossenes Regelwerk wie der Scrum Guide sondern eher ein Mindset. Es beschreibt eigentlich das, was im agilen Umfeld gerne als Servant Leader beschrieben wird: Eine dem Ganzen dienende Führungskraft, die auf der einen Seite “richtungsweisend” ist und auf der anderen Seite in der Lage ist, die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter und die Organisation optimal zu gestalten. Denn Management 1.0 mit entsprechenden Hierarchien und Command&Control funktionieren in der heutigen komplexen und schnelllebigen Welt nicht mehr. Deshalb ist ja “agil” so erfolgreich, weil es in einer entsprechenden Breite geschafft hat zu beweisen, dass Selbstorganisation und iteratives Vorgehen viel besser funktionieren kann als der planerische Selbstbetrug, den wir uns seit vielen Jahrzehnten leisten.

Und Selbstbetrug ist aus meiner Sicht auch das, was wir seit Jahrzehnten im Bereich des Managements praktizieren. Zielvereinbarungsgespräche, Extrinsische Motivation, Mitarbeiterbewertungen, Prozessmanagement, all das sich Instrumente, die immer noch das alte Bild vom schlauen Manager und dem dummen, faulen Mitarbeiter in sich tragen.

Die Anforderungen an das Management habe sich nicht nur in der IT in den letzten Jahren stark verändert. Überall geht es immer mehr darum, Wissensarbeiter zu führen, gemeinsam komplexe Probleme zu lösen und dabei Kommunikation und Motiviaion für jeden einzelnen optimal zu gestalten. Dazu braucht es entsprechende Softskills aber insbesondere auch psychologische Kenntnisse und systemisches Wissen. Und genau da setzt auch Management 3.0 an. Basis sowohl von Buch als auch Seminar ist z.B. Komplexitätstheorie und systemisches Denken.

Im Seminar werden dann verschiedene Perspektiven auf ein komplexes soziales System wie das einer Organisation beleuchtet. In insgesamt 6 Themenblöcken geht es u.a. um die Themen persönliche Motivation, sinnvolle Delegation, Rahmenbedingungen von Selbstorganisation, Entwicklung von Kompetenz und optimaler Kommunikationsstrukturen sowie Organisationsentwicklung bzw. Changemanagement. Jeder Block besteht aus theoretischem Input, vielen praktischen Übungen und gemeinsamen Diskussionen und Erfahrungsaustausch. Und gerade die praktischen Übungen und Diskussionen werden von den meisten Teilnehmer als besonders wertvoll empfunden.

Und was die Themen Scrum und Agile betrifft: Perspektiven und Modelle für Führungskräfte werden in Scrum nicht adressiert. Dies ist aber zwingend erforderlich für eine erfolgreiche agile Transition. Nur wenn das mittlere Management frühzeitig involviert und als Unterstützer gewonnen wird, hat eine Transition Erfolg. Ohne Unterstützung wird lediglich Widerstand produziert und dieser lässt sich schlecht auflösen. Man muss den aktuellen und zukünftigen Führungskräften also eine Perspektive anbieten. Und ich kenne aktuell kenne besseres Modell als Management 3.0.

In Deinen Management 3.0 Kursen nutzt Du von Dir übersetztes Material. Warum hast Du Dich entschlossen das Originalmaterial zu übersetzen und wie ist das Feedback der Teilnehmer darauf?

Ich habe gemerkt wie anstrengend es ist, etwas auf Deutsch zu erzählen und gleichzeitig englische Folien aufzulegen. Aber auch die Teilnehmer waren sehr abgelenkt: verstehen was der dort vorne sagt und was da in einer anderen Sprache steht und noch zu vergleichen ob das zusammen passt und richtig übersetzt wurde. Weihnachten 2012/13 habe ich die Zeit  genutzt die Inhalte zu übersetzen. Inzwischen ist meine Übersetzung der offizielle deutsche Management 3.0 Standard und kann auch von den anderen Trainern für deutschsprachige Seminare verwendet werden. Das Feedback der Teilnehmer ist sehr positiv und auch für mich ist es einfacher geworden das Training fokussiert und authentisch durchzuführen. Die Teilnehmer erhalten neben den deutschen Unterlagen auch Zugriff auf die englischen Originalunterlagen.

Mit welchen speziellen Fragestellungen beschäftigst Du Dich gerade?

Mein Kernthema ist ja systemische Organisationsentwicklung zur Unterstützung agiler Transitionen. Was mich gerade besonders beschäftigt ist die Frage, warum Unternehmen so wenig bereit sind, das Thema Organisationsentwicklung auf Managementebene für eine solche Umsetzung agiler Prozesse anzugehen.

Ich erlebe immer wieder, dass Firmen eine agile Methoden wirklich sehr hemdsärmlig und nicht wirklich bewusst einführen. Effekte auf die Gesamtorganisation werden meist vernachlässigt, Komplexität also wieder einmal ignoriert statt adressiert. Und sehr selten werden auch wirklich Experten eingebunden, die diese Prozesse auf einer systemischen und psychologischen Ebene unterstützen könnten.

Man wundert sich z.B. bei der Einführung von Scrum über Widerstände im Umfeld, obwohl diese meist offensichtlich zu erwarten waren. Mit agilen Prozessen wie Scrum holt man sich ja einen richtig penetranten Veränderungs- und Störprozess bzgl. der alten Werte und Paradigmen ins Haus. Das mag vielleicht auch manchmal gewollt sein, aber ich muss als Organsiation auch einen Plan haben, wo ich insgesamt mit meinen Werten und meiner Kultur hin will. Sonst habe ich am Ende lauter verschiedene Wahrheiten, die gegeneinander kämpfen.

Welche Bücher liest Du momentan? Welche drei Bücher waren die wichtigsten, die Du in den letzten 5 Jahren gelesen hast?

Leider entdecke ich täglich mehr und mehr interessante Bücher, als ich nur ansatzweise lesen kann. Von daher lese ich wahrscheinlich gerade parallel an ca. 10 Fachbüchern wie z.B. Leading Change von John Kotter, Managing Transitions von William Bridges, Gamestorming, “.. und Mittags geh’ ich heim” von Lohmann, Resilienz.

Ansonsten gibt’s da immer noch Bücher zum Thema Zaubern – einem meiner Hobbies – und dann lese ich zur Entspannung parallel auch immer einen Roman (aktuell: Herzen hören) oder einen Krimi.

Die drei wichtigsten Bücher? Natürlich “Management 3.0” aber auch das Pinguin Prinzip von John Kotter, weil es so schön einfach Veränderungsprozesse beschreibt. Schon etwas länger her, aber das vielleicht wichtigste Buch für mich weil es den Anstoss gegeben hat, mein berufliches Leben neu auszurichten, das war “Peopleware” von Tom deMarco und Tim Lister. Das war für mich der Punkt wo ich anfing, alles was man damals bzgl. Management und Softwareentwicklung als gottgegeben ansah in Frage zu stellen. Und wohl zurecht.

Jürgen, herzlichen Dank für die Beantwortung der Fragen sowie viel Erfolg und Spaß dabei, deine Ideen weiter zu  verfolgen!

Mehr Informationen über Jürgen Dittmar und seine Schulungen sind auf der Webseite von Cocondi zu finden: cocondi_logo

Ein Gedanke zu „Management 3.0 Trainer Jürgen Dittmar im Interview

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  2. Guten Tag
    Das Buch Management 3.0 von Jurgen Appelo gibt es wohl nicht auf Deutsch. Können Sie mir sagen, welches Buch am ehesten die Ideen von Jurgen Appelo ins Deutsche übersetzt hat?

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